Berlin – ein Stadtschicksal by Scheffler Karl

Berlin – ein Stadtschicksal by Scheffler Karl

Autor:Scheffler, Karl [Scheffler, Karl]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Suhrkamp Verlag
veröffentlicht: 2015-11-07T00:00:00+00:00


Lebensformen

Selbst zur Zeit der höchsten städtischen Entwicklung gab es also nicht eigentlich eine klar organisierende Gesellschaftsidee in Berlin. Es ist das Berlin der Schinkel, Rauch, Schadow, E. Th. Hoffmann, Kleist, Rahel und Henriette Herz, von dem Frau von Staël mit Recht schrieb : »Berlin, diese ganz moderne Stadt, macht, so schön sie ist, keinen wirklich bedeutenden Eindruck : man spürt hier weder das Gepräge der Geschichte des Landes noch des Charakters der Einwohner, und diese prächtigen, neu errichteten Gebäude scheinen nur für bequeme Vereinigungen zum Vergnügen und zur Arbeit bestimmt.« Aber eben diese Physiognomielosigkeit war der eigentliche Charakter der nun zur Residenzstadt gewordenen Kolonialstadt. Eine neue Stadt, die wie frisch geputzt und angestrichen erschien, mit geräumigen, aber noch leeren Straßen und hier und da monumental wirkend durch die Konsequenz der Uniformität. Neben den repräsentativen Einfamilienhäusern und den hellen Villen vor den Toren, neben den Regierungsgebäuden und Prinzenpalais sah man straßauf, straßab in schnurgeraden Zeilen die bürgerlichen Mietshäuser, im Stil entweder noch des alten ziegelgedeckten Stadthauses aus der Zeit des abklingenden achtzehnten Jahrhunderts oder stolz schinkelnde, vielstöckige Häuser mit Loggien und säulengetragenen Balkons, in denen sich bereits der Typus des modernen Etagenwohnhauses ankündigte. Im Innern dieser Häuser fand man entweder eine kalte architektonische Formenpracht, griechisches Gesimswerk, riesige Fenster, gewaltige Flügeltüren, hohe Zimmer und einen ganz akademisch langweiligen Grundriß, als wäre das Alles nur einem Begriff zuliebe gemacht ; oder es wurde gleich kleinbürgerlich und provinzmäßig hinter den puritanisch steifen Fassaden, in den beamtenhaft ordentlichen Zimmern mit hellen Mullgardinen, mit gestrichenen Wänden, worauf Borten von Grecqueornamenten schabloniert waren, mit Tischen und fein geschweiften Stühlen aus gelbem Birkenholz, mit glatten, würdigen Mahagoniservanten und fein profilierten Zierkommoden, mit klein gemusterten Möbelstoffen, Silhouettenbildern und Porträts von Familienangehörigen in Vatermördern und Matronenhauben an den Wänden, weißen Häkeleien auf den Sofalehnen, Biskuitfigürchen, Leuchtern und empfindsamen Nippessachen auf Tischen und Kommoden, und mit wohlfeilen Teppichen auf den gestrichenen Dielen. Riesensekretärs gab es da, mit vielen heimlichen Schubladen und Behältnissen, mit schweren massiven Holzsäulen und blanken Bronzebeschlägen in Palmettenform, Zierschränke, nur aus Glas und dünnen Leisten, angefüllt mit geblümtem Porzellan und geschliffenen und farbigen Gläsern, Roßhaarsofas mit weit geschweiften Lehnen, bequeme Korbsessel am Fenster, und davor, auf Mutters Platz, das gestickte Fußkissen. Auf den sehr, sehr kleinen Bücherregalen gab es Oktavbände mit fein gepreßten Lederrücken, grünen Schnitten und mit Einbänden von marmorartigen Kammpapieren. Es stand da, kaum gelesen, etwa eine Goetheausgabe, Fouqués Romantikerpoesie, ein paar der phantastischen Romane Hoffmanns, Übersetzungen Walter Scotts, Taschenkalender, Almanache und Humoristisches von Glasbrenner. Es wurde nicht viel gelesen und am wenigsten das literarisch Wertvolle. Man ließ Schiller gelten und beugte sich vor der Autorität Goethes ; aber von intimen Beziehungen zu diesen Dichtern war außerhalb kleiner Esoterikerkreise nichts zu spüren. Im Theater war das bürgerliche Genre am beliebtesten. Und das repräsentative. Nach dem Herzen der Berliner waren als Schauspieler am meisten Iffland und als Dramatiker Kotzebue ; die Mode regierte aber der Hohenstaufendramatiker Raupach. Ebenso stand der Bürgerpartei, die sich ganz der Weberschen Freischützmusik hingab, eine andere gegenüber, die für Spontinis Ausstattungsopern eintrat. Alle Welt lief ins Opernhaus, um



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